Aus “Think!” wird “Think! And! Feel!”

Die Idee zu dieser Webseite war ursprünglich ein gemeinsames Projekt mit einem ehemaligen Kollegen auf einem anderen Kontinent: Wittgensteins “Philosophical Investigations” gemeinsam auf dem Web zu sezieren und zu verstehen versuchen, die Welt verstehen zu versuchen auf Basis dieses Buches und vielleicht später anderer, ähnlicher Bücher.

Das Schreiben selbst ist anders geworden: Hektischer, und weniger inspiriert. Unruhiger. Weniger Schreiben aus einem übervollen Fundus heraus, so wie bei “also sprach Zarathustra” – mehr das hektische Herunterrotzen eines Gedanken, ein auskotzen über die Zerrissenheit und Unstimmigkeit unserer Welt. Vielleicht war der Fehler eher, daß ich trotz allem den Anspruch an mich aufrechtgehalten habe, hochwertige Information und eine andere, wertvolle Perspektive zu bieten.

Inzwischen weiß ich mehr – aus “Think!” wird “Think! And! Feel!”. Westliche Philosophie ist abstrakt und – auch wenn sie manchmal in der Wirklichkeit verwurzelt ist – nicht mit der Wirklichkeit verbunden. Am Titel englischsprachigen akademischen Titel “PhD” (Philosophical Doctor) sieht man das sehr schön: Der PhD ist in der Praxis der Doktor der Naturwissenschaften, also etwa der deutsche “Dr. rer. nat.” (Physik, Chemie, Biologie usw.). Trotzdem: Naturwissenschaftler sind Kartographen. Als Naturwissenschaftler nehme ich mir das Recht, das so zu sagen. Mit dieser Aussage will ich auch die Verdienste der Naturwissenschaften für unsere moderne Welt nicht schmälern, doch ich schweife ab: Naturwissenschaftler sind Kartographen: Sie untersuchen die Welt “da draußen” und versuchen, sie zu beschreiben.Weil die Welt kompliziert ist, muß man sie dazu vereinfachen, standardisieren. Und so wie die Kartographen verschiedene Projektionen verwenden, um die Welt-Kugel auf ein flaches Papier zu abzubilden, so verwendet jeder Naturwissenschaftler seine Vereinfachungen, um zu einer “funktionierenden” Beschreibung zu kommen. Eine Standard-Standardisierung ist dabei, daß die Beobachtung vom Beobachter unabhängig sein muß, denn unter Naturwissenschaftlern wird als “wahr” nur anerkannt, was reproduzierbar, also wiederholbar ist.

Und dieses ist der Fehler. Denn: Damit ist Liebe nicht mehr “wahr”. Auch Angst nicht, und Hoffnung nicht. Unsere Wünsche sind nicht mehr “wahr”, denn sie kommen und gehen, und unsere Träume sind nicht mehr wahr. Die Vereinfachung der Reduktion auf Wiederholbarkeit ist groß und mächtig, doch wer sich ihr als Mensch verschreibt, verliert: Man gibt das Glück auf, denn Glück ist nicht wiederholbar – doch was gewinnt man dafür?

Vielleicht sollte ich die alte Idee rund um die “Philosophical Investigations” wieder aufleben lassen, doch wurde daraus nicht Zeitverschwendung? Das Wittgenstein-Projekt hatte nie ein explizites Ziel, aber vielleicht haben wir es durch Umgehung des Projektes erreicht: Einen Weg “zur Welt” zu finden – indem wir uns von der Theorie ab- und dem Erleben zugewandt haben.

Die Lust am Schreiben ist geblieben, doch das Schreiben ist jetzt anders, breiter: Denken ist erlaubt, und Fühlen ist auch erlaubt. Auskotzen ist erlaubt, und eine wertvolle neue Perspektive ist auch erlaubt. Ausrufezeichen sind erlaubt, und Fragezeichen sind auch erlaubt. Leben ist erlaubt – und er-leben ist eine Notwendigkeit.

Aus der analytischen, klaren, aber kalten Webseite “Think!” wird das ganzheitliche, eher künstlerische “Think! And! Feel!”.

Leben und Er-Leben.

by-nc-nd